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Stadt – Land – Fluss. Drahteselrunde von Dannenberg über Hitzacker nach Dömitz und zurück

Wegweiser zur Stadt-Land-Fluss-Tour

Wegweiser zur Stadt-Land-Fluss-Tour

„Dreimal ist Bremer Recht“ – so mein Gedanke, als ich mich letzten Freitag auf den Drahtesel schwang, um nun endlich die “Stadt-Land-Fluss-Tour” abzuradeln. Zweimal war ich in den letzten Wochen auf halbem Wege umgedreht, weil der Himmel sich zuzog.

Tatsächlich hatte ich diese „Thementour“ der Elbtalaue-Wendland Touristik schon seit letzten Sommer auf dem Plan. Auch am Freitag sah der Himmel zunächst eher nach ergiebigem Regen als nach Sonnenschein aus. Egal. Erst mal los!

Knapp 50 Kilometer plane Strecke sieht die Thementour vor. Als Ausgangspunkt ist Dannenberg oder Hitzacker vorgeschlagen. Ich startete in Dannenberg und radelte über Pisselberg nach Hitzacker.

Am Anflug auf Hitzacker

Im Anflug auf Hitzacker

In Hitzacker angekommen schlug ich erst einmal ein wenig Zeit tot. Denn die Wolken über mir wurden zunehmend dunkler und ich konnte mich nicht gleich entscheiden, ob ich nun wirklich die große Runde wagen sollte. Also erst einmal einen Coffee-to-go geschlürft, auf der Stadtinsel das Rätsel des August-Barge-Schildes gelöst und ein paar der bunten alten Haustüren besichtigt, die ich so liebe.

Laubwerk-Ornament an einer Haustür auf der Stadtinsel Hitzacker

Laubwerk-Ornament an einer Haustür auf der Stadtinsel Hitzacker

Bei der Gelegenheit entdeckte ich eine Windrose im Straßenpflaster der Elbstraße. Ist mir vorher nie aufgefallen.

Windrose im Pflaster der Elbstraße in Hitzacker

Windrose im Pflaster der Elbstraße in Hitzacker

Das Wetter wurde leider nicht besser. Aber warten wollte ich nun auch nicht länger, also rauf auf die Fähre, die täglich von 9 bis18 Uhr zwischen Hitzacker (Niedersachsen) und Bitter (Mecklenburg-Vorpommern) verkehrt – nach Vereinbarung übrigens auch darüberhinaus (Tel.: 0160-5960668).

Fähranleger Bitter

Fähranleger Bitter: Nein, dies ist keine Abendstimmung – auch wenn es so aussieht. Das Foto entstand um die Mittagszeit.

Hier führte die Strecke auf dem Elberadweg ganz entspannt bis ins etwa 21 Kilometer entfernte Dömitz. Ich war überhaupt zum ersten Mal auf dieser Seite der Elbe. Die Häuser entlang der Strecke, die sich zu DDR-Zeiten im unmittelbaren Grenzgebiet befanden, stehen größtenteils direkt am Deich bzw. direkt am Radweg. Klassische Vorgärten oder Zäune gibt es kaum. Stattdessen fielen mir die vielen wunderschönen Apfel- und anderen Obstbäume auf, die vor vielen Häusern stehen. Und ich registrierte die Weite. Und die Einsamkeit.

Um wieviel einsamer und isolierter mag sich das Leben hier zu Zeiten der innerdeutschen Teilung angefühlt haben? Insbesondere im Ort Rüterberg, der ab 1967 komplett von Grenzsicherungsanlagen umschlossen war. Die rund 150 Bewohner des Ortes kamen nur durch ein streng bewachtes Grenztor und unter Vorlage ihres Ausweises in ihr eigenes Dorf. Besucher brauchten eine Sondererlaubnis. Und zwischen 23 Uhr und dem Morgengrauen war der Ort komplett dicht. Schwer vorstellbar, auf Dauer so zu leben. Die Rüterberger haben’s 22 Jahre getan.

Radweg am Deich

Elberadweg zwischen Bitter und Wehningen

Es setzte leichter Nieselregen ein. Ein heißer Tipp für solche Phasen, in denen man sich vom Schmuddelwetter ablenken möchte oder es außer Deich und Grün und dunklem Himmel nicht viel zu sehen gibt: Ich stelle mir dann mit Begeisterung vor, dass ich in meinem persönlichen riesigen Freilichtmuseum unterwegs bin und dass die Fenster der Privathäuser, an denen ich vorbeiradle, eigentlich außergewöhnliche Museumsvitrinen sind. So wie dieses hier – was haben die Bewohner da denn Hübsches ausgestellt?

Ausstellungsstück auf Fensterbank

Nur für mich haben die Bewohner dieses Hauses etwas auf ihrer Fensterbank ausgestellt. Was ist es nur?

Erst mal näher rangehen.

Ausstellungsstück im Fenster

Ausstellungsstück im Fenster: ein Schneefuchs? Irgendein Mardertier? Wer stellt sich so etwas auf die Fensterbank?

Weiter nach Strachau.

Der Schrein - bildhauerische Arbeit von Klaus Großkopf

Skulptur von Klaus Großkopf

Es sieht aus wie ein rot eingefärbter Teilabdruck eines opulenten Hinterns, der in einem Holzgestell zum Trocknen hängt. Es heißt „Grosser Schrein“, ist eine bildhauerische Arbeit von Klaus Großkopf und steht direkt am Strachauer Ortseingang am Radweg. Ich erinnerte mich urplötzlich an ein lesenswertes Porträt von Klaus Großkopf, das vor Jahren im Magazin Zero zu lesen war. Entschied sich der Autor des Porträts Karl-Heinz Farni damals nicht für einen Besuch bei Großkopf, nachdem er minutenlang beseelt einen steinernen Arsch von Großkopf in Händen gehalten hatte?

Blick in den Garten von Klaus Großkopf

Blick in den Skulpturengarten in Strachau

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt der private Skulpturengarten von Klaus Großkopf und Barbara Westphal.

Skulptur zwischen Obstbäumen

Skulptur zwischen Obstbäumen

Der Skulpturengarten ist – soweit ich weiß – nicht öffentlich zugänglich. Aber man kann auch vom Radweg aus zwischen den alten Obstbäumen die unterschiedlichsten Skulpturen entdecken.

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Beton-Blumenkasten

Ein weiteres interessantes Ausstellungsstück in einem privaten Vorgarten: ein mit Glasscheiben aufgemotzter Beton-Blumenkasten.

Eine willkommene Abwechslung zur Deich-Einsamkeit: eine Schafherde mit – wie mir einer der begleitenden drei Schäfer sagte – über 1000 (!) Tieren, die an mir vorbeigetrieben wurde.

Schafe am Deich

Schafe am Deich

Auf meine Frage, wo es denn nun hingehe für die Tiere, antwortete er mit todernster Miene: „Nach Hamburg. Die wollen alle zur Reeperbahn.“ Ah, ja.

In Wehningen machte ich einen kleinen Abstecher zur Kapelle. Irgendwo hatte ich gelesen, dass sich in den Ziegeln rechts und links des Eingangs Pfotenabdrücke von Hund oder Katze befinden sollen. Tatsächlich!

Pfotenabdrücke an der Kapelle Wehningen

Pfotenabdrücke an der Kapelle Wehningen

Die Pfotenabdrucke sollen als „Bannzeichen“ gedient haben, heißt es. Die Küsterin, die vor der Kapelle gerade am Teppichklopfen war, mochte dies nicht bestätigen.

Ganz in der Nähe des Radwegs stieß ich auf einen auffallend imposanten Pfeiler. Ein Solitär. Die rostigen Scharniere an einer Seite wiesen aber darauf hin, dass zu diesem Pfeiler einmal ein Zwilling mit entsprechender Tordurchfahrt gehört haben muß.

Wehningen: Pfeiler

Wehningen: imposanter übermannshoher Pfeiler einer früheren Tordurchfahrt. Sein Zwilling steht nicht mehr.

Fast vom Grün verdeckt, findet sich ganz in der Nähe der steinerne Torbogen des früheren Wasserschlosses Wehningen.

Torbogen des früheren Schlosses Wehningen

Torbogen des früheren Schlosses Wehningen.

Die Geschichte des Schlosses Wehningen reicht bis ins Jahr 1285 zurück. Damals war es der Sitz des Raubritters Riebe, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts die gesamte Griese-Gegend in Angst und Schrecken versetzte, die Landstraßen unsicher machte und durchziehende Kaufleute und Händler ausraubte. Ab 1842 kam das Schloß in den Besitz des Grafen von Bernstorffs. Heute ist vom Schloß allerdings kaum mehr etwas über: 1979 wurde es aus Gründen der „Staatssicherung“ abgerissen und komplett eingeebnet.

Infotafel Schloss Wehningen

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Eine Infotafel erinnert an das frühere Schloss Wehningen. Auf der hier zu sehenden historischen Aufnahme ist noch einmal der bis heute bestehende Torbogen zu sehen – links dahinter das Schloss.

Weiter nach Rüterberg. Auf die Geschichte der früheren „Dorfrepublik Rüterberg“ hatte ich keine große Lust, darum ließ ich das kleine Heimatmuseum des Ortes links liegen. Ich bestieg den kleinen Aussichtsturm des Ortes, der einen schönen weiten Blick über das Elbvorland lieferte. Ansonsten erfreute ich mich insbesondere an den Bemühungen der Rüterberger, ihren Gästen das gewisse Etwas zu bieten – siehe Foto unten.

Rüterberg: Schild Kackplatz

Aussagekräftige Beschilderung in Rüterberg – hier stimmt die touristische Servicequalität.

 

Schiff Hilde

Die „Hilde“ tuckert auf dem Weg nach Hitzacker an Rüterberg vorbei.

Auf abwechslungsreichen Wegen – mal war es Sand-, mal Schotterpiste, mal ging es am Deich entlang, mal durch ein Waldstück – gelangte ich bis nach Dömitz. Kurzer Abstecher zur Festung Dömitz, im norddeutschen Raum eine der wenigen erhaltenen Flachlandfestungen des 16. Jahrhunderts.

Renaissance-Eingangsportal der Festung Dömitz

Renaissance-Eingangsportal der Festung Dömitz

 

Löwe mit herausgestreckter Zunge am Eingangsportal der Festung Dömitz

Ein früher Stones-Fan? Löwe mit herausgestreckter Zunge am Eingangsportal der Festung Dömitz

Von Dömitz aus ging es über die Dömitzer Brücke wieder auf die Heimreise gen Niedersachsen. Bei doofem Gegenwind und mittlerweile ziemlich müden Radler-Beinen fuhr ich einen Schlenker über Langendorf und Quickborn und zurück nach Dannenberg.

Später Nachmittag kurz vor Dannenberg – und gleich fängt’s wieder an zu pieseln.

Alle Bilder des Tages gibt es hier.

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Contenance, das Dannenberger Fürstentum und ein Rezept für Welfenspeise

Welfenspeise – ein traditionelles Dessert, das helfen kann, die Contenance zu wahren. Ein Rezept dafür gibt es am Ende dieses Beitrags.

Contenance. Contenance. So musste ich mich im Laufe der letzten Arbeitswoche mehr als einmal ermahnen. Ein Möchtegern-Fürst machte mit Vehemenz gewisse Ansprüche geltend.

Anlass für mich, mich heute mal mit ein paar echten Fürsten zu befassen. Immerhin lebe ich seit längerem wieder in dieser Stadt, die für wenig mehr als 66 Jahre Residenzstadt eines “Fürstentums” war: des Fürstentums Dannenberg. Ich weiss erstaunlich wenig über diese historische Episode. Wie kam es zum Fürstentum Dannenberg?

Nach dem Ende der “Grafenzeit” (ca. 1153 bis 1303), in der immerhin die bis heute bestehenden Städte Dannenberg, Hitzacker, Lüchow, Wustrow und Schnackenburg gegründet wurden, muß es in dieser Ecke des Fürstentums Lüneburg über rund 250 Jahre hinweg teilweise ziemlich drunter und drüber gegangen sein. Die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg waren chronisch klamm und so wurden Burgen, Städte und Vogteien wiederholt verpfändet und wanderten von Hand zu Hand. Und überhaupt: Ob es die Herren im fernen Celle überhaupt interessierte, was an den äußeren Rändern ihres Fürstentums vor sich ging?

Berndt Wachter* schreibt über diese Zeit:

„Die wechselvolle Politik dieser Zeit wirkte sich besonders verheerend auf das flache Land aus. Die Streitigkeiten der Starken wurden auf dem Rücken der Schwachen und Abhängigen ausgetragen. Ausführende in diesem Streit waren zumeist die Ritter, die je nach Blickrichtung entweder Streiter für die gerechte Sache und für ihre eigene Unabhängigkeit oder Raubritter, Diebe und Halsabschneider waren.“

Die Wende kam erst 1569. Nach dem Tod von Herzog Ernst I. zu Braunweig-Lüneburg, besser bekannt als Ernst der Bekenner (ja, der hieß nicht zufällig so….Näheres in seinem Wikipedia-Eintrag) managten seine beiden Söhne Wilhelm und Heinrich ab 1559 das Fürstentum Lüneburg zunächst gemeinsam. Heinrich hatte sein Okay gegeben, auf eine standesgemäße Heirat zu verzichten. Allerdings überlegte Heinrich sich das mit der Ehelosigkeit noch mal anders und heiratete 1569 die askanische Herzogtochter Ursula von Sachsen-Lauenburg. Ob aus „Liebe“ oder politischen Kalkül oder weil man ihn selbst übers Ohr gehauen hatte, man weiß es nicht.

Heinrich von Braunschweig-Lüneburg und seine Ehefrau Ursula von Sachsen-Lauenburg auf einer Stammbaum-Zeichnung (Ausschnitt)

So oder so: Heinrich hatte versäumt, das Einverständnis seines kleinen Bruders Wilhelm für diese Heirat einzuholen. Wilhelm war not amused. Es stand Ärger ins Haus.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Land zu mehr oder weniger gleichen Teilen unter den Brüdern aufzuteilen. Aber Heinrich fand das Regieren wohl schon länger nicht so richtig prickelnd, ging stattdessen lieber auf die Jagd. Statt das Fürstentum zu teilen, spaltete man darum eine Nebenlinie, eine sogenannte Sekundogenitur, ab. Es entstand das „Fürstentum Dannenberg“. Dannenberg wurde Residenzstadt.

Heinrich wurde das, was man einen „apanagierten“ Fürsten nennt. Er erhielt fortan die Einkünfte aus dem Amte Dannenberg und dem Kloster Scharnebeck, später kamen noch die Ämter Hitzacker, Lüchow und Warpke hinzu. Die Möglichkeiten des frischgebackenen Dannenberger Fürsten waren jedoch eher beschränkt: nix da Landesverteidigung, nix da Aussenpolitik. Volle Souveränität hatte er also nicht. Er hatte beispielsweise auch keinen Sitz und keine Stimme im Fürstenrat. Kurz: Er kriegte „Stütze“ und hatte ansonsten nicht allzu viel zu melden.

Heinrich, der unter anderem die Bequemlichkeiten der Celler Residenz gewohnt war, kam also nach Dannenberg – vielleicht zum ersten Mal überhaupt? Was sah er? Nach Michael Reinbold ** war Dannenberg damals nicht mehr als ein Straßensiedlung (ist es heute wesentlich mehr…?):

“Der Ort lag auf mehreren teils natürlichen, teils durch Grabenziehung errichteten Inseln der Jeetzel, die durch einen Bohlendamm miteinander verbunden waren, an dem sich zu beiden Seiten Häuserzeilen bis zur Höhe des Marktes hinzogen. Dort befanden sich das Rathaus sowie die Propsteikirche St. Johannis – letztere ohne Turm, weil die morastige Niederung einen solchen nicht zuließ. […] Ingesamt lag die Stadtbevölkerung bei annähernd 700 Personen. Man lebte vom Handwerk, Leinenhandel und Braugewerbe.“

Der Dannenberger Amtsberg mit dem ehemaligen Burgturm von der Jeetzel-Seite aus: Es fällt bis heute nicht schwer, sich vorzustellen, was für für eine morastig-unwirtliche Ecke das hier vor einigen hundert Jahren war (hier ein Foto aus der zweiten Januar-Woche).

Auf dem heutigen „Amtsberg“ stand bei Heinrichs Ankunft noch die gräfliche Burg mit dem bis heute stehenden mittelalterlichen Waldemarturmumgeben von Gräben. Heinrich machte sich in den folgenden Jahren daran, die teils maroden Gebäude zu sanieren und weitere Gebäude hinzu zu fügen. Auch der Waldemarturm bekam einen neuen Dachaufbau, der nun weniger wehrhaft-massiv wirkte, sondern dem mehr dekorativen und repräsentativen Zeitgeschmack der Renaissance angepasst war.

Heinrichs Sohn Julius Ernst und später insbesondere dessen jüngerer Brüder August der Jüngere setzen diese Modernierungsarbeiten fort so dass ein geschlossenes Gebäude-Ensemble entstand, das den Schloßplatz umgab. Jenseits des Burgwalles – auf den Jeetzelwiesen – ließ Heinrich außerdem einen großzügen Zier- und Obstgarten anlegen mit einem Sommerhaus und einer Rennbahn, so Michael Reinbold**. Eine Rennbahn? Wer mag da wohl gerannt sein?

 Wetterlöwe

Der sich auf den Hinterpfoten aufrichtende „Wetterlöwe“, der bis heute auf dem Dach des Waldemarturms weht, erinnert an die welfische Vergangenheit Dannenbergs.

Heute ist nur noch wenig von der fürstlichen Bautätigkeit übrig, das Residenzschloss wurde bereits zwischen 1710 und 1776 abgerissen. Nur der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren von 1654 erinnert noch an das „FBL“, was für „Fürstentum Braunschweig-Lüneburg“ steht.

Dannenberg im Merian-Stich von 1654: So ähnlich mag Dannenberg zur „Fürstenzeit“ ausgesehen haben – zum Vergrößern bitte einmal anklicken.

Zwei Brunnen, einer auf dem früheren Innenhof des Schlosses, einer in der heutigen Marschtorstrasse erinnern an Heinrich – sind aber als “Sehenswürdigkeit” eher nicht spektakulär. Auch wenn insbesondere der Brunnen auf dem früheren Schlossplatz „mit grossen Costen verfertiget“ wurde, wie es in entsprechenden Akten heißt. Die Brunnenumrandungen, die auf den Fotos zu sehen sind, sind natürlich moderneren Datums.

Brunnen in der Dannenberger Marschtorstrasse

Wappen am Brunnen in der Dannenberger Marschtorstrasse

Einen weiteren Hinweis auf die Fürstenzeit lässt sich in der St. Johanniskirche entdecken. Seit Heinrich diente die Kirche als fürstliche Grablege. Erhalten hat sich aus dieser Zeit die Grabplatte einer Enkeltochter von Heinrich und Ursula: Anna Sophie starb schon im Kindesalter.

Grabplatte Anna Sophie

Grabplatte Anna Sophie

Die Grabplatte hängt an der Westwand der Kirche. Die Gebäude, die auf der Grabplatte zu sehen sind, sollen Dannenberg darstellen. Rechts und links neben dem gekreuzigten Christus erkenne ich Zinnen und Türmchen. Aber ich habe etwas Mühe, darin Dannenberg wieder zu erkennen. Vielleicht kann jemand helfen?

Nicht unmittelbar mit der Fürstenfamilie zusammenhängend, aber doch in diese Zeit gehördend, ist der dreiflügelige gotische Altar der Kirche.

Dannenberg_Kirche_Altar

Dreiflügeliger Altar in der St. Johanniskirche Dannenberg

Dieses farbenfrohe Kunstwerk mag schon zu Zeiten des Fürstentums Dannenberg an diesem Ort gehangen haben.

Dannenberg_Kirche_Altar_Detail

Detailansicht des Altars in der Dannenberger St. Johanniskirche

 

Allerdings befand sich der Altar nicht durchgehend in der Kirche. Auch Kirchengestaltung unterliegt gewissen Moden. Zwischenzeitlich – als eher Klassizistisches angesagt war – hatte man ihn eingemottet, um ihn erst nach umfangreichen Sanierungsarbeiten an der Kirche 1963/1964 wieder hervorzuholen. Mir gefällt der Gedanke, dass vielleicht schon Heinrich und Co. ihn bei der Messe bzw. beim Gottesdienst vor Augen hatten.

Ein letztes Erinnerungsstück kann man am Haus An der Kirche 7 entdecken. Nach Michael Reinbold verkehrten Gelehrte und Künstler am Dannenberger Fürstenhof. Ab 1605 gehörte – gefördert durch Herzog August den Jüngeren – auch der in Lüneburg geborene Johannes Schultz dazu.

An der Kirche 7 erinnert eine Tafal an den Dannenberger Hoforganisten Johannes Schultz.

Johannes Schultz komponierte geistliche wie weltliche Musik. Wie seine Musik klang, kann man in demYoutube-Video unten hören.

Im Vergleich zu anderen fürstlichen Residenzen muß Dannenberg insgesamt jedoch eher bescheiden gewirkt haben. Gerade einmal 30 Amtsträger und Bedienstete waren für das Schloss vorgesehen. Tatsächlich beschäftigte der Dannenberger Hof zumindest zeitweilig kaum annähernd so viele Menschen. Und so beklagte sich Ursula von Dannenberg auch in Briefen an ihren Bruder, der damals Erzbischof von Bremen war, von Herzen über die „Blödigkeit“ ihres Gatten, der wiederholt Personal entließ, und das daraus resultierende „ungemach  aus solchem unordentlichem Leben“ (nach Reinbold).

Ja, auch Fürstens haben’s nicht leicht.

Heinrichs Nachfolger Julius Ernst hinterließ keine männlichen Erben. Und nachdem auch dessen Witwe Sybilla verstorben war, fiel Dannenberg an Julius Ernsts jüngeren Bruder Herzog August d. Jüngeren, der damals schon Herzog von Wolfenbüttel war. Damit endete das „Fürstentum Dannenberg“.

Nun aber zu dem Rezept für Welfenspeise, das nicht in Dannenberg, sondern in Hannover erfunden wurde und das auch erst viel später, als die Tages des hiesigen Fürstenstums längst gezählt waren. Das ist mir aber egal.

Welfenspeise

Die Zutatenliste:

Für die weisse Creme:

  • 500 ml Milch (ich nehme beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen Sahne dazu…)
  • 40 g Zucker
  • 1 Pck. Bourbon-Vanillezucker
  • 40 g Stärkemehl
  • 4 Eiweiss

Für die gelbe Creme:

  • 4 Eigelb
  • 80 g Zucker
  • ¼ l Weißwein
  • Saft einer ½ Zitrine
  • 1 getrichener Eßlöffel Stärkemehl

Los geht’s mit der weißen Creme: Hierfür das Stärkemehl in 5 EL der Milch anruhen, die übrige Milch mit dem Zucker zum Kochen bringen, das Stärkemehl dazugeben, kurz aufkochen, Eischnee unter die heiße Creme ziehen und in Gläser füllen. Abkühlen lassen.

Für die Weissweincreme alle Zutaten in einen Topf geben und bei mittlerer Hitze unter kräftigem Schneebesen-Gerühre erhitzen. Kurz aufwallen lassen, vom Herd nehmen, kurz weiterschlagen, bis der Schaum etwas abgekühlt ist. Weinschaum auf die erkaltete weiße Creme gießen und kühl stellen.

* Wachter, Bernd: Aus Dannenberg und seiner Geschichte. Dannenberg (Elbe) 2000

** Reinbold, Michael: Die welfische Sekundogenitur in Dannenberg und Hitzacker  (1570-1636). In: Hannoversches Wendland, 13. Jahresheft des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg. Lüchow 1992

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Fundstück Nr. 12

Birken auf Gehweg

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Wer sagt denn, dass Bäume einen Weg immer schön schier rechts und links säumen müssen?

An der Dannenberger Tagesklink der Psychiatrischen Klinik Uelzen hat man sich jedenfalls für eine andere Variante entschieden: Hier stehen die Birken mitten auf dem Weg.

Birken auf Gehweg

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Gepflanzter Wink mit dem Zaunpfahl, dass Regeln dazu da sind, gebeugt zu werden (à la „Make your own rules“)? Oder Symbol für die unerwarteteten Hindernisse, die einer auf dem (Lebens-)Weg immer wieder begegnen können? So oder so, wer auf diesem Weg spazieren geht, lernt schnell das vielleicht Wichtigste: “Immer schön geschmeidig bleiben!”

In der Nachbarschaft der psychiatrischen Klinik gibt es noch ein anderes Beispiel ungewöhnlicher Gartengestaltung.

Garten für Demenzkranke

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Vor der sorgsam umzäunten Seniorenresidenz “Jeetzelgarten” des DRK steht ein Auto, immer dasselbe, und es steht dort Tag und Nacht. Daneben: eine Bushaltestelle mit kleinem Wartehäuschen. Doch ein Bus hält hier nie… Wenn ich das richtig verstanden habe, ist diese Schein-Haltestelle speziell an die Bedürfniss dementer Menschen angepasst – mehr dazu hier.

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Fundstück Nr. 11

Engel auf Haus am St-Annen-Friedhof Dannenberg

Schlafender Engel auf dem Haus Lüchower Straße 2 am St.-Annen-Friedhof Dannenberg

Es musste wohl erst Karfreitag werden, damit ich heute vormittag auf einem Wohnhaus nahe des Dannenberger Prochaskaplatzes diesen kleinen schlafenden Engel entdecken konnte.

Keine Ahnung, wie oft ich in den letzten 40 Jahren an diesem Haus schon vorbeigekommen bin, ohne die kleine Engelsfigur zu bemerken… Bemerkenswert ist – unübersehbar – auch das Haus selbst, das direkt an den seit langem nicht mehr genutzten St.-Annen-Friedhof grenzt. Heute ist es ein Wohnhaus. Hatte es ursprünglich eine andere Funktion?

Haus am St.-Annen-Friedhof Dannenberg

Der Engel ruht auf dem Dachfirst der dem Friedhof zugewandten Giebelseite.

Lange dachte ich Ahnungslose, dieses Gebäude sei die frühere Friedhofskapelle gewesen – auch der schlafende Putto hätte ja ein Hinweis darauf sein können. Aber die Kapelle des St. Annen-Friedhofs wurde schon 1874 abgerissen. Die letzten Bestattungen auf dem Friedhof waren schon drei Jahre vorher erfolgt. Bei der Kapelle soll auch ein Schulhaus gestanden haben. 1805 wurde es aufgegeben.* Wurde das Schulhaus damals ebenfalls abgerissen?

Haus am St.-Annen-Friedhof Dannenberg

Die ungewöhnliche Giebelseite des Hauses von der Straßenseite aus.

Mehr als 300 Jahre lang – mindestens seit 1510 – wurde auf dem St.-Annen-Friedhof die Verstorbenen der Dannenberger Vorstadt Lauben und der umliegenden Dörfer bestattet, ab Beginn des 19. Jahrhunderts auch die der Stadt selbst (letztere waren bis dahin auf dem Kirchhof der St. Johannis-Kirche bestattet worden). Schon 1871 gab man den St.-Annen-Friedhof jedoch auf: vermutlich, weil der Platz langsam knapp wurde und – wichtiger noch – weil man durch die wiederkehrenden Hochwasser der Jeetzel mit seuchenhygienischen Problemen rechnete. Seitdem wird nur noch der außerörtliche Friedhof Lüggau genutzt, bis heute.**

Der St.-Annen-Friedhof steht heute unter Denkmalschutz.

 

* Berndt Wachter: Dannenberg in alten Ansichten, Band 1. Europäische Bibliothek. 1990.

** Rolf Meyer & Norbert Fischer: Tod an der Elbe: Über Friedhöfe und Grabmäler im Wendland… In: Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 118, III, August 2012

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Möhrchen & Wetterfahnen

„Möhrchen brauchen Wind“,  lernte ich  gestern von einer Wustrower Gartenfreundin. Wenn kein Wind weht, dann werden die Möhren gnadenlos von irgendwelchen Tierchen kaputt gefressen, lautet die These. 

Gartenlos wie ich bin, ist der praktische Nutzen der Wind-Möhrchen-Theorie für mich gleich null. Dennoch: Auf dem Heimweg von dem sonntäglichen Arbeitstreffen in Wustrow achtete ich auf den Wind. Wehte überhaupt welcher?

Kaum hatte ich mich aufs Fahrrad geschwungen, fiel mir der erste „Windrichtungsgeber“, besser bekannt als Wetterfahne, auf dem First der Bahnhofsstraße 4 auf. Bis zu meinem Zielort Dannenberg sollten einige weitere folgen…

Bahnhofstraße 4 in Wustrow (Wendland)

Erst mal näher ranzoomen: Kein Wetterhahn, sondern ein kleines Männlein mit Käppi, das einen Schlüssel in der Hand hält, dazu die Initialen „T. I.“, steht dort oben auf dem Dach.

Wetter-Männlein mit Schlüssel auf dem Haus Bahnhofstraße 4 in Wustrow

Gleich um die Ecke auf dem Dach der denkmalgeschützten früheren Fabrikantenvilla in der Langen Strasse, in der seit bald 30 Jahren das Museum Wustrow untergebracht ist, weht leider keine Wetterfahne.

Museum Wustrow in der Langen Straße 9

Dafür werden die beiden schmucken Mansarden mit Metallelementen betont, die kopflos gesprengten Tulpen ähneln.

Kopflose Tulpe auf dem Dach des Museums Wustrow

Am Fehl und der Villa Wendland vorbei radelte ich einen kleinen Schlenker über Güstritz. Gleich an der Einfahrt zum Rundling hat jemand seine Leidenschaft für die Jagd auf der Wetterfahne verewigt.

Güstritz Nr. 19

Der fröhliche Hund gefällt mir.

Jäger mit Hund auf dem Dach des Hauses Güstritz Nr. 19.

Auf dem Stallgebäude der Schäferei in Jeetzel

Stallgebäude der Schäferei in Jeetzel

…steht – natürlich – ein weithin sichtbares wollweißes Wetter-Schaf.

Wetter-Schaf der Schäferei Jeetzel

In Lüchow dominieren die Jahreszahlen: in der Bergstraße 36/37, einem Teil des Gebäudekomplexes des früheren „Traditionskaufhauses“ F. Hettig, …

Dachfirst des früheren Kaufhauses Hettig

…ist es die 1907.

15b Lüchow_Hettig

Wetterfahne von 1907 auf dem früheren Kaufhaus Hettig

Auf dem Gebäude des Ratskellers Lüchow weht eine ungewöhnlich geformte Fahne: Ist es eine Welle? Ein Schiff? Ein Schnabelschuh?

Wetterfahne auf dem Ratskeller Lüchow

Oder schlicht eine stilisierte Flagge? Schmuck ist der achtzackige Stern an der Spitze.

Wetterfahne auf dem Ratskeller Lüchow

Ganz ähnlich sieht die Wetterfahne auf dem Glockenturm aus. Sie trägt die Jahreszahl 1817. Beide Fahnen datieren also nur kurze Zeit nach dem schlimmen Feuer, den die Stadt Lüchow 1811 erlebte. War es nicht sogar so, dass nur der Amtsturm und der Glockenturm den Brand damals überstanden?

Wetterfahne auf dem Glockenturm in Lüchow

Und noch eine letzte Wetterfahne kam mir in Lüchows Langer Straße vor die Linse…

Wetterfahne in der Langen Straße in Lüchow

*

Hier hat sich jemand – vielleicht der Erbauer? – mit seinen Initialen ein Denkmal gesetzt.

Wetterfahne in der Langen Strasse in Lüchow

Auf dem weiteren Weg von Lüchow nach Dannenberg fielen mir keine Wetterfahnen auf, was vermutlich eher meiner nach der Winterpause etwas maroden Kondition zuzuschreiben ist. In die Pedale strampeln und weiteratmen erforderte möglicherweise meine volle Konzentration. Erst in Dannenberg angekommen hatte ich wieder Augen für die Besonderheiten am Wegesrand.

Das hübsche Wetter-Schwein, das in der Langen Strasse in Dannenberg auf dem Dach einer Schlachterei steht, und der Wetterhahn gleich nebenan waren neulich im Blog Utasflow zu sehen. Aber ein letztes Tier darf in diesem Zoo der Wetter-Tiere natürlich nicht fehlen:

Wetter-Löwe auf dem Dach des Dannenberger Waldemarturms

Ein Wetter-Löwe steht auf der Spitze des mittelalterlichen Dannenberger Waldemarturms. Genauer gesagt ist es ein „steigender Löwe“. Dieser sich auf den Hinterbeinen aufrichtende Löwe ist das Wappentier des welfischen Fürstentums Lüneburg, zu dem Dannenberg ursprünglich gehörte.

To be continued…

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