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Flüchtlinge im Wendland, Erinnerungen und ein Kugelis-Rezept

Ratibor (Oberschlesien), Gröditz (Sudetenland), Wilna (Litauen). Das sind die Geburtsorte von dreien meiner Großeltern. Heute: Racibórz, Hradec-Nová Ves und Vilnius.

Wie so viele „Einheimische“ bin ich bzw. ist meine Familie erst ab 1945 im Wendland heimisch geworden. Zu Dreiviertel bin ich Flüchtlings-Enkelkind. Nur die Oma väterlicherseits ist tatsächlich „Wendländerin“ – und ihre Familie ist vermutlich seit vielen Jahrhunderten hier ansässig.

Tatsächlich wuchs die Bevölkerung in Lüchow-Dannenberg  bis 1950 durch Heimatvertriebene und Flüchtlinge um ein Vielfaches. In gesamten Bundesland Niedersachsen erhöhte sich die  Bevölkerung von 1939 bis 1950 um 49, 7 %. In Lüchow-Dannenberg sogar um 76,7 %! Das brachte Probleme mit sich – Wohnungsnot an erster Stelle. Die Ernährungslage war ebenfalls schwierig, aber durch die Möglichkeit, sich mit Selbstangebautem zu versorgen weniger prekär als in anderen Regionen.*

Der Zustrom der Flüchtlinge veränderte das Wendland. Im Vorwort des Buches „Fremde. Flüchtlinge im Landkreis Lüchow-Dannenberg“, erschienen in der Schriftenreihe des Museums Wustrow, heißt es dazu:

FREMDE - Flüchtlinge im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Publikation aus der Reihe des Museums Wustrow.

FREMDE – Flüchtlinge im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Publikation aus der Reihe des Museums Wustrow.

„Der Landkreis Lüchow-Dannenberg ist nach dem Einströmen der Flüchtlinge nicht der gleiche geblieben. In vielen gesellschaftlichen Bereichen gingen innovative Anstöße von Flüchtlingen aus. Die Metamorphose von einem rein landwirtschaftlich geprägten Kreis zu einer Region mit aufstrebendem mittelständischem Gewerbe und vielfältigen neuen kulturellen und schulischen Angeboten ist erst durch die Zusammenarbeit von Einheimischen und Flüchtlingen und durch ihre gegenseitigen Anregungen und Forderungen geschehen. Besonders bis Ende der 50er Jahre sind die Veränderungen […] deutlich sichtbar. Die räumlich-politische Einengung des Kreises durch die ummer undruchlässiger werdende Grenze zur damals sowjetisch besetzten Zone und das Arbeitskräfteangebot sowie die Konsumnachfrage durch die Flüchtlinge führte für […] kurze Zeit zu einer differenzierten neuen Angebots- und Produktpalette.“ **

Eine Entwicklung, die sich nicht fortsetzen sollte:

„Viele Flüchtlinge mussten ihr neues Lebensumfeld in dern 50er Jahren verlassen, weil Auskommen und Arbeit auf Dauer nicht bereit standen.“ **

Eine Erfahrung, die das Wustrower Museumsteam bei seinen Recherchen immer wieder machte, war das ausgeprägte Bedürfnis vieler Flüchtlingen ihre oft sehr detaillierten und emotionsgeprägten Erinnerungen zu teilen:

„Ihr Bedürfnis davon zu erzählen, hinterließ bei uns den Eindruck, dass ihnen noch niemand richtig zugehört hatte oder ihnen vielleicht bei der nötigen Trauerarbeit geholfen hatte. Im Gegensatz dazu taten sich die einheimischen Bewohner/innen schwer, ihre Erinnerungen preiszugeben.“**

Was ist von den Erzählungen meiner Großeltern geblieben?

Das dringende Bedürfnis zu erzählen, ließ meine Ratiborer Oma bis ganz wenige Wochen vor ihrem Tod im Jahr 2002 nicht los. Es verging kein Tag, an dem sie nicht von „der Heimat“ sprach. Einerseits war es sicher Teil ihrer Trauerarbeit. Und andererseits? Andererseits erschienen ihre Erzählungen ihren Kindern und Enkelkindern wie eine kaum erträgliche und leider nicht abzustellende Dauerschleife: „die Heimat“, das schöne Ratibor, Annaberg, das Ursulinenkloster, der Hungertyphus…, „die Heimat“, das schöne Ratibor, Annaberg, das Ursulinenkloster, der Hungertyphus…, „die Heimat“, das schöne Ratibor, Annaberg, das Ursulinenkloster, der Hungertyphus…

Absurderweise fiel uns schon sehr kurze Zeit nach ihrem Tod auf, wie wenig wir eigentlich tatsächlich über sie wussten. Es dauerte nur Tage, bis der Satz fiel: „Hätten wir ihr mal besser zugehört.“

Familie Trunczik in ihrer ersten Zeit in Dannenberg. Vorne: Maria und Johann Trunczik, hinten: die Kinder Gerhard, Edeltraud (meine Oma), Hilde und Rita

Familie Trunczik in ihrer ersten Zeit in Dannenberg. Vorne: die Eltern Maria und Johann Trunczik, hinten: die Kinder Gerhard, Edeltraud (meine Oma), Hilde und Rita

Meine Großmutter erzählte, wie sie in der ersten Zeit in Dannenberg in einer beengten Dachkammer eines Hauses am Mühlentor (heute das „Bistro“) untergebracht waren. Willkommen waren sie nicht. Allenfalls als billige Hilfskräfte. Dafür mussten sie sich von ihren Wirtsleuten als „dreckige Pollacken“ beschimpfen lassen. Als sie später heiratete und schließlich zusammen mit ihrem Mann sechs Kinder bekam, wurde sie ermahnt, als Flüchtlinge hätten sie doch etwas mehr “Zurückhaltung” zu üben.

Mein Opa als ganz junger Kerl (hinten rechts) mit seinem Vater, seiner älteren Schwester Luise, die viele Jahrzehnte in Wien lebte, und deren Bräutigam.

Mein sudetendeutscher Opa sprach so gut wie nie über sein früheres Zuhause. Ich weiß jedoch, dass sich seine Familiengeschiche in und um Gröditz bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen ließ. Teilweise konnte er seine Vorfahren bis in ihre Gröditzer Anfänge namentlich benennen. Kein Wunder, könnte man bösartig behaupten, denn wenn ich mich richtig erinnere, hießen ungefähr 80 % seiner Vorfahren wahlweise Maria oder Josef… Ähnlich übrigens wie in der ebenfalls katholischen Sippe meiner Großmutter.

Meine Mutter bunkert noch einen ganzen Karton mit alten Fotos, Dokumenten und einen von ihr erstellten Stammbaum, der noch der weiteren Aufarbeitung des sudetendeutschen Familienzweigs harrt…

Während meine Oma schon Jahre vor der Wende ihre alte Heimat viele Male mit organisierten Busreisen für „Vertriebene“ besuchte, war mein Großvater (meines Wissens) erst viele Jahre später und nur einmal an dem Ort seiner Kindheit und Jugend – nur um zu erleben, dass von dem Ort seiner Erinnerungen nicht viel übriggelieben war. „Vaddi hat geweint wie ein kleines Kind“, erzählte meine Oma mir am Küchentisch. „Mudder, red‘ kein dummes Zeug!“ rief mein Opa aus dem Wohnzimmer durch die geöffnete Tür.

Oberschlesisch-sudetendeutsche Koalition im neuen Heimatort Dannenberg, 1951

Zum Ende des Krieges waren meine Großeltern 15 bzw. 23 Jahre alt Meine Oma kam mit ihren Eltern und den noch lebenden drei Geschwistern (das jüngste Kind – “das Dieterle” – war am Tag vor Fluchtbeginn an Hungertyphus gestorben) noch 1945 ins Wendland. Mein Opa kam nach Arbeitsdienst, Wehrmacht, russischer Kriegsgefangenschaft und Zwischenstationen in Landsberg am Lech und Parsau 1949 nach Dannenberg. Beide haben mehr Jahre hier als in ihren Geburtsorten gelebt: 57 bzw. 59 Jahre lang.

Grabstein meiner Großeltern auf dem Friedhof Dannenberg-Lüggau

Auf ihrem gemeinsamen Grabstein finden sich aber selbstverständlich ihre Geburtsorte.

Mein litauischer Opa – aufgenommen im August 1941 in Neustadt/Westpr.

Am wenigsten weiß ich über die verlorene Heimat meines litauischen Großvater, denn er starb schon vor meiner Geburt und war wohl per se kein besonders mitteilsamer Charakter. Auch dass er in der SS gewesen war, wahrscheinlich ab Ende 1943, erfuhr einer seiner Söhne erst lange nach dem Tod seines Vaters.

Dünn wie ein Hecht, stark wie ein Bär, sei er gewesen, sagte ein alter Nachbar immer wieder über ihn. Und leider war er wohl kein besonders liebevoller Vater. Nur bei Familienfeiern, bei denen tradtionell viel gegessen – ein litauisches Sprichwort sagt: “Nur wer gut isst, kann gut arbeiten” – und noch mehr getrunken wurde, soll er aufgetaut sein. Was damit endete, dass er und seine vier Brüder aus voller Kehle litauische Volksweisen sangen. Übrigens ist die litauische Sprache nicht – wie oft vermutet – mit dem Russischen verwandt, sondern es ist eine baltische Sprache. Sie soll dem Finnischen sehr nahe kommen.

Was bleibt?

Er mit Arbeitsschürze und Käppi – sie mit umgenähtem Herrenjackett? Eine Aufnahme aus der Verlobungszeit?

Ein Familienbetrieb, den mein sudetendeutscher Opa 1954 in Dannenberg gründete – der Legende nach mit geborgtem Geld, der (vagen) Aussicht auf einen Flüchtlingskredit und seinem einzigen Eigenkapital: einem Fahrrad. Erst im Jahr vorher hatte er die Meisterprüfung bestanden – „mit viel Mut und Gottvertrauen“, wie die Legende berichtet. Heute wird der Betrieb von seinem Sohn und einem Enkelsohn weitergeführt. Auch der Name meines Großvaters lebt weiter: Sein drittes – vor knapp einem Jahr geborenenes – Urenkelkind hat seinen Namen bekommen.

Der Name meiner schlesischen Oma dagegen wird innerhalb unserer Familie aller Vorausicht nach nicht so bald “wiederbelebt” werden, nehme ich an. Denn sie trug den wunderbaren Namen “Edeltraud”, kurz: “Traudl”. Ihre Backrezepte hätten es verdient gehabt, der Nachwelt überliefert zu werden. Aber da sie meistens “aus dem Handgelenk” kochte und backte, hat sie dieses Wissens leider mit ins Grab genommen. In Erinnerung bleibt sie mir mit einigen ihrer Lieblingssprüche: “Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen.“ Oder auch: „Was nicht tötet, härtet ab.“ Auch Trude Herr („Ich will keine Schokolade…“) und diverse Schlager-Weisheiten ihrer Zeit („Liebeskummer lohnt sich nicht, my darling…“ oder „Da sprach der alte Häuptling der Indianer: Schwer ist das Leben, schwer ist der Beruf..“) werde ich wohl auf immer mit ihr in Verbindung bringen.

Von meinem litauischen Großvater bleibt nur “Kugelis”.

Kugelis

Zutatencheck – alles da?

Kugelis war nicht nur das Lieblingsessen meines litauischen Großvaters. Es ist auch eine Art litausches Nationalgericht. Es ist eng verwandt mit dem jüdischen Gericht „Kartoffelkugel“, das gerne zum Schabbat gegessen wird.

Die Zutatenliste ist kurz:

  • 1 kg Kartoffeln
  • 1 Tasse Milch
  • 2 Eier
  • 2 Zwiebeln
  • 75 g Speck (alternativ: eine kleine Stange Lauch)
  • Salz, Pfeffer
  • Butter
  • Für die Sauce: Schmand oder Sauerrahm

Da ich fleischlichen Genüssen vor Jahren abgeschworen habe (jedenfalls den kulinarischen),  überlegte ich, den Speck durch Räuchertofu zu ersetzen. Meine Teilzeit-Mitbewohnerin findet Tofu allerdings “Bäh”, darum wurde nichts daraus. Ihr Vorschlag: den Speck durch Lauch ersetzen. Dass meine Teilzeit-Mitbewohnerin mich vor mehr als vier Jahrzehnten unter Schmerzen geboren hat, verleiht ihrer Stimme Gewicht. Darum also: Lauch.

  • Die Kartoffel schälen, sehr fein reiben und mithilfe eines Tuch gut ausdrücken, die Flüssigkeit dabei auffangen.
  • Dann muß man einen Moment warten bis sich die Stärke abgesetzt hat – das dauert etwa 10 Minuten oder so. Die Flüssigkeit abgießen, die abgesetzte Stärke zu den Kartoffeln geben. (Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, ob dieser Arbeitsschritt wirklich nötig ist. Aber um auf Nummer Sicher zu gehen….)
  • Die Milch heiß unter die Kartoffelmenge geben.
  • Die Zwiebeln fein würfeln und zusammen mit dem in sehr feine Ringe geschnitten Lauch glasig dünsten und zur Kartoffelmasse geben.
  • Mit Salz und Pfeffer abschmecken, in eine gebutterte Auflaufform geben, glattstreichen und bei 180-200 Grad etwa eine Stunde backen bis die Oberfläche gebräunt ist.

Dinner is prepared

In Stücke schneiden und heiß essen. Dazu gibt es traditionell eine Soße aus sauerer Sahne oder Schmand, die man kalt mit gewürfelten Zwiebeln anrührt. Mir und der TZ-Mitbewohnern schmeckte es pur besser. Was unter anderem damit zusammenhing, dass ich die Soße komplett versalzen habe. Kann ja mal vorkommen!

* nach Jürries, Wolfgang (Hg.): Wendland Lexikon, Band 1, Stichwort „Flüchtlinge“, Lüchow 2000.

** Museumsverein Wustrow e. V. (Hg.): Fremde. Flüchtlinge im Landkreis Lüchow-Dannenberg 1945-1955. 1991.

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