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Contenance, das Dannenberger Fürstentum und ein Rezept für Welfenspeise

Welfenspeise – ein traditionelles Dessert, das helfen kann, die Contenance zu wahren. Ein Rezept dafür gibt es am Ende dieses Beitrags.

Contenance. Contenance. So musste ich mich im Laufe der letzten Arbeitswoche mehr als einmal ermahnen. Ein Möchtegern-Fürst machte mit Vehemenz gewisse Ansprüche geltend.

Anlass für mich, mich heute mal mit ein paar echten Fürsten zu befassen. Immerhin lebe ich seit längerem wieder in dieser Stadt, die für wenig mehr als 66 Jahre Residenzstadt eines “Fürstentums” war: des Fürstentums Dannenberg. Ich weiss erstaunlich wenig über diese historische Episode. Wie kam es zum Fürstentum Dannenberg?

Nach dem Ende der “Grafenzeit” (ca. 1153 bis 1303), in der immerhin die bis heute bestehenden Städte Dannenberg, Hitzacker, Lüchow, Wustrow und Schnackenburg gegründet wurden, muß es in dieser Ecke des Fürstentums Lüneburg über rund 250 Jahre hinweg teilweise ziemlich drunter und drüber gegangen sein. Die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg waren chronisch klamm und so wurden Burgen, Städte und Vogteien wiederholt verpfändet und wanderten von Hand zu Hand. Und überhaupt: Ob es die Herren im fernen Celle überhaupt interessierte, was an den äußeren Rändern ihres Fürstentums vor sich ging?

Berndt Wachter* schreibt über diese Zeit:

„Die wechselvolle Politik dieser Zeit wirkte sich besonders verheerend auf das flache Land aus. Die Streitigkeiten der Starken wurden auf dem Rücken der Schwachen und Abhängigen ausgetragen. Ausführende in diesem Streit waren zumeist die Ritter, die je nach Blickrichtung entweder Streiter für die gerechte Sache und für ihre eigene Unabhängigkeit oder Raubritter, Diebe und Halsabschneider waren.“

Die Wende kam erst 1569. Nach dem Tod von Herzog Ernst I. zu Braunweig-Lüneburg, besser bekannt als Ernst der Bekenner (ja, der hieß nicht zufällig so….Näheres in seinem Wikipedia-Eintrag) managten seine beiden Söhne Wilhelm und Heinrich ab 1559 das Fürstentum Lüneburg zunächst gemeinsam. Heinrich hatte sein Okay gegeben, auf eine standesgemäße Heirat zu verzichten. Allerdings überlegte Heinrich sich das mit der Ehelosigkeit noch mal anders und heiratete 1569 die askanische Herzogtochter Ursula von Sachsen-Lauenburg. Ob aus „Liebe“ oder politischen Kalkül oder weil man ihn selbst übers Ohr gehauen hatte, man weiß es nicht.

Heinrich von Braunschweig-Lüneburg und seine Ehefrau Ursula von Sachsen-Lauenburg auf einer Stammbaum-Zeichnung (Ausschnitt)

So oder so: Heinrich hatte versäumt, das Einverständnis seines kleinen Bruders Wilhelm für diese Heirat einzuholen. Wilhelm war not amused. Es stand Ärger ins Haus.

Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Land zu mehr oder weniger gleichen Teilen unter den Brüdern aufzuteilen. Aber Heinrich fand das Regieren wohl schon länger nicht so richtig prickelnd, ging stattdessen lieber auf die Jagd. Statt das Fürstentum zu teilen, spaltete man darum eine Nebenlinie, eine sogenannte Sekundogenitur, ab. Es entstand das „Fürstentum Dannenberg“. Dannenberg wurde Residenzstadt.

Heinrich wurde das, was man einen „apanagierten“ Fürsten nennt. Er erhielt fortan die Einkünfte aus dem Amte Dannenberg und dem Kloster Scharnebeck, später kamen noch die Ämter Hitzacker, Lüchow und Warpke hinzu. Die Möglichkeiten des frischgebackenen Dannenberger Fürsten waren jedoch eher beschränkt: nix da Landesverteidigung, nix da Aussenpolitik. Volle Souveränität hatte er also nicht. Er hatte beispielsweise auch keinen Sitz und keine Stimme im Fürstenrat. Kurz: Er kriegte „Stütze“ und hatte ansonsten nicht allzu viel zu melden.

Heinrich, der unter anderem die Bequemlichkeiten der Celler Residenz gewohnt war, kam also nach Dannenberg – vielleicht zum ersten Mal überhaupt? Was sah er? Nach Michael Reinbold ** war Dannenberg damals nicht mehr als ein Straßensiedlung (ist es heute wesentlich mehr…?):

“Der Ort lag auf mehreren teils natürlichen, teils durch Grabenziehung errichteten Inseln der Jeetzel, die durch einen Bohlendamm miteinander verbunden waren, an dem sich zu beiden Seiten Häuserzeilen bis zur Höhe des Marktes hinzogen. Dort befanden sich das Rathaus sowie die Propsteikirche St. Johannis – letztere ohne Turm, weil die morastige Niederung einen solchen nicht zuließ. […] Ingesamt lag die Stadtbevölkerung bei annähernd 700 Personen. Man lebte vom Handwerk, Leinenhandel und Braugewerbe.“

Der Dannenberger Amtsberg mit dem ehemaligen Burgturm von der Jeetzel-Seite aus: Es fällt bis heute nicht schwer, sich vorzustellen, was für für eine morastig-unwirtliche Ecke das hier vor einigen hundert Jahren war (hier ein Foto aus der zweiten Januar-Woche).

Auf dem heutigen „Amtsberg“ stand bei Heinrichs Ankunft noch die gräfliche Burg mit dem bis heute stehenden mittelalterlichen Waldemarturmumgeben von Gräben. Heinrich machte sich in den folgenden Jahren daran, die teils maroden Gebäude zu sanieren und weitere Gebäude hinzu zu fügen. Auch der Waldemarturm bekam einen neuen Dachaufbau, der nun weniger wehrhaft-massiv wirkte, sondern dem mehr dekorativen und repräsentativen Zeitgeschmack der Renaissance angepasst war.

Heinrichs Sohn Julius Ernst und später insbesondere dessen jüngerer Brüder August der Jüngere setzen diese Modernierungsarbeiten fort so dass ein geschlossenes Gebäude-Ensemble entstand, das den Schloßplatz umgab. Jenseits des Burgwalles – auf den Jeetzelwiesen – ließ Heinrich außerdem einen großzügen Zier- und Obstgarten anlegen mit einem Sommerhaus und einer Rennbahn, so Michael Reinbold**. Eine Rennbahn? Wer mag da wohl gerannt sein?

 Wetterlöwe

Der sich auf den Hinterpfoten aufrichtende „Wetterlöwe“, der bis heute auf dem Dach des Waldemarturms weht, erinnert an die welfische Vergangenheit Dannenbergs.

Heute ist nur noch wenig von der fürstlichen Bautätigkeit übrig, das Residenzschloss wurde bereits zwischen 1710 und 1776 abgerissen. Nur der Kupferstich von Matthäus Merian dem Älteren von 1654 erinnert noch an das „FBL“, was für „Fürstentum Braunschweig-Lüneburg“ steht.

Dannenberg im Merian-Stich von 1654: So ähnlich mag Dannenberg zur „Fürstenzeit“ ausgesehen haben – zum Vergrößern bitte einmal anklicken.

Zwei Brunnen, einer auf dem früheren Innenhof des Schlosses, einer in der heutigen Marschtorstrasse erinnern an Heinrich – sind aber als “Sehenswürdigkeit” eher nicht spektakulär. Auch wenn insbesondere der Brunnen auf dem früheren Schlossplatz „mit grossen Costen verfertiget“ wurde, wie es in entsprechenden Akten heißt. Die Brunnenumrandungen, die auf den Fotos zu sehen sind, sind natürlich moderneren Datums.

Brunnen in der Dannenberger Marschtorstrasse

Wappen am Brunnen in der Dannenberger Marschtorstrasse

Einen weiteren Hinweis auf die Fürstenzeit lässt sich in der St. Johanniskirche entdecken. Seit Heinrich diente die Kirche als fürstliche Grablege. Erhalten hat sich aus dieser Zeit die Grabplatte einer Enkeltochter von Heinrich und Ursula: Anna Sophie starb schon im Kindesalter.

Grabplatte Anna Sophie

Grabplatte Anna Sophie

Die Grabplatte hängt an der Westwand der Kirche. Die Gebäude, die auf der Grabplatte zu sehen sind, sollen Dannenberg darstellen. Rechts und links neben dem gekreuzigten Christus erkenne ich Zinnen und Türmchen. Aber ich habe etwas Mühe, darin Dannenberg wieder zu erkennen. Vielleicht kann jemand helfen?

Nicht unmittelbar mit der Fürstenfamilie zusammenhängend, aber doch in diese Zeit gehördend, ist der dreiflügelige gotische Altar der Kirche.

Dannenberg_Kirche_Altar

Dreiflügeliger Altar in der St. Johanniskirche Dannenberg

Dieses farbenfrohe Kunstwerk mag schon zu Zeiten des Fürstentums Dannenberg an diesem Ort gehangen haben.

Dannenberg_Kirche_Altar_Detail

Detailansicht des Altars in der Dannenberger St. Johanniskirche

 

Allerdings befand sich der Altar nicht durchgehend in der Kirche. Auch Kirchengestaltung unterliegt gewissen Moden. Zwischenzeitlich – als eher Klassizistisches angesagt war – hatte man ihn eingemottet, um ihn erst nach umfangreichen Sanierungsarbeiten an der Kirche 1963/1964 wieder hervorzuholen. Mir gefällt der Gedanke, dass vielleicht schon Heinrich und Co. ihn bei der Messe bzw. beim Gottesdienst vor Augen hatten.

Ein letztes Erinnerungsstück kann man am Haus An der Kirche 7 entdecken. Nach Michael Reinbold verkehrten Gelehrte und Künstler am Dannenberger Fürstenhof. Ab 1605 gehörte – gefördert durch Herzog August den Jüngeren – auch der in Lüneburg geborene Johannes Schultz dazu.

An der Kirche 7 erinnert eine Tafal an den Dannenberger Hoforganisten Johannes Schultz.

Johannes Schultz komponierte geistliche wie weltliche Musik. Wie seine Musik klang, kann man in demYoutube-Video unten hören.

Im Vergleich zu anderen fürstlichen Residenzen muß Dannenberg insgesamt jedoch eher bescheiden gewirkt haben. Gerade einmal 30 Amtsträger und Bedienstete waren für das Schloss vorgesehen. Tatsächlich beschäftigte der Dannenberger Hof zumindest zeitweilig kaum annähernd so viele Menschen. Und so beklagte sich Ursula von Dannenberg auch in Briefen an ihren Bruder, der damals Erzbischof von Bremen war, von Herzen über die „Blödigkeit“ ihres Gatten, der wiederholt Personal entließ, und das daraus resultierende „ungemach  aus solchem unordentlichem Leben“ (nach Reinbold).

Ja, auch Fürstens haben’s nicht leicht.

Heinrichs Nachfolger Julius Ernst hinterließ keine männlichen Erben. Und nachdem auch dessen Witwe Sybilla verstorben war, fiel Dannenberg an Julius Ernsts jüngeren Bruder Herzog August d. Jüngeren, der damals schon Herzog von Wolfenbüttel war. Damit endete das „Fürstentum Dannenberg“.

Nun aber zu dem Rezept für Welfenspeise, das nicht in Dannenberg, sondern in Hannover erfunden wurde und das auch erst viel später, als die Tages des hiesigen Fürstenstums längst gezählt waren. Das ist mir aber egal.

Welfenspeise

Die Zutatenliste:

Für die weisse Creme:

  • 500 ml Milch (ich nehme beim nächsten Mal vielleicht ein bisschen Sahne dazu…)
  • 40 g Zucker
  • 1 Pck. Bourbon-Vanillezucker
  • 40 g Stärkemehl
  • 4 Eiweiss

Für die gelbe Creme:

  • 4 Eigelb
  • 80 g Zucker
  • ¼ l Weißwein
  • Saft einer ½ Zitrine
  • 1 getrichener Eßlöffel Stärkemehl

Los geht’s mit der weißen Creme: Hierfür das Stärkemehl in 5 EL der Milch anruhen, die übrige Milch mit dem Zucker zum Kochen bringen, das Stärkemehl dazugeben, kurz aufkochen, Eischnee unter die heiße Creme ziehen und in Gläser füllen. Abkühlen lassen.

Für die Weissweincreme alle Zutaten in einen Topf geben und bei mittlerer Hitze unter kräftigem Schneebesen-Gerühre erhitzen. Kurz aufwallen lassen, vom Herd nehmen, kurz weiterschlagen, bis der Schaum etwas abgekühlt ist. Weinschaum auf die erkaltete weiße Creme gießen und kühl stellen.

* Wachter, Bernd: Aus Dannenberg und seiner Geschichte. Dannenberg (Elbe) 2000

** Reinbold, Michael: Die welfische Sekundogenitur in Dannenberg und Hitzacker  (1570-1636). In: Hannoversches Wendland, 13. Jahresheft des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lüchow-Dannenberg. Lüchow 1992

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